Mittwoch, 14. Dezember 2011, 12:05 Uhr

Bundesweite Diskussion über "Harksheider Migrationsquote"

Weiter Wirbel um Kleingärtner

ram. | Die Diskussion um eine Migrantenquote im Norderstedter Kleingartenverein Harksheide-Kringelkrugweg hat bundesweite Dimensionen angenommen. Während der Verein nicht nur von Rechtsaußen Beifall erhält, zeigen benachbarte Kleingärten, dass es auch anders geht. Der Harksheider Vereinsvorsitzende Gerd Kühl sieht sich unterdessen "wie ein Stier an der Nase vorgeführt" und sucht hektisch nach Wegen aus dem Konflikt: Laut Spiegel-Online will er jetzt einen 21jährigen, aus Russland stammenden Kleingärtner in den Vorstand holen - um zu "vermitteln".

Neben Unterstützung für die "Ausländer raus-Entscheidung" der Kleingärtner erreichte uns überwiegend Kritik an deren Verhalten. Leser "Entdinglichung" etwa fragt ironisch, ob Neumitglieder "zukünftig einen Ahnenpass als Nachweis vorlegen müssen?" Kommentarschreiber "Stefan B." hingegen stört sich vor allem daran, dass einzelne Leser die Kritik an der rassistischen Entscheidung mit Nazi-Methoden verglichen und stellt fest, dass damit "das Mindestniveau einer Konversation deutlich unterschritten" wurde. Andere Kommentare verwiesen mit Hilfe von Links auf zum Thema passende Videosequenzen.

In der Kommentarspalte des Infoarchivs ging es dieser Tage hoch her: Nicht nur, dass sich unser Artikel zur "Harksheider Migrantenquote" schnell zu einem unserer meistgelesenen Texte entwickelte, er wurde bislang auch mehr als ein Dutzend mal kommentiert - wobei wir einen Beitrag wegen allzu beharrlich geäußerter Rassismen löschen mussten. Aber auch die nicht entfernten Texte haben es teilweise in sich: So warf uns Leser "Jörg" vor, als "Schreiberlinge (...) dieselben denunzierenden und diffamierenden Methoden" einzusetzen, "wie seinerzeit die Nationalsozialisten." Auch die Repressalien gegen die Kleingärtner seien "exakt dieselben". Und der "wahre Faschismus", so "Jörg" weiter, sei der "politisch korrekte Multikulti-Meinungsfaschismus". Unter dem Motto "Kulturkampf statt Rassismus" schlug Leser "Wolf S." in dieselbe Kerbe und offenbarte tiefe Einblicke in ein sein nationalistisches Weltbild: "Deutsche Kultur, das ist Fleiß, Respekt, Nachhaltigkeit, Präzision, Höflichkeit, Rücksichtnahme, Ordnung, Sprache. Und ihr alle, da draussen, ihr Rassistenjäger-Medien, seit der Meinung das diese Werte zerstört werden müssen? Jeder Deutsche der für sich Identät verlangt ist ein Nazi mit dem Brennofen im Hintergrund?" (Rechtschreibfehler im Original). Regine Schmalenberg, offenbar Kleingärtnerin im betroffenen Verein, rundete die Kommentare pro Quotenentscheidung mit einem wahren Feuerwerk an Vorurteilen ab, um am Ende zu dem "persönlichen Gefühl" zu gelangen, "dass Deutschland nicht mehr lange existieren wird, weil anderen Nationalitäten mehr Rechte und Freiheiten eingeräumt werden, als uns Deutschen selber".

Über die Norderstedter "Migrationsquote" erschienen unter anderem folgende Berichte:

 

Während sich also in Leserbriefspalten und Kommentarfunktionen jener Rassismus widerspiegelt, der zuletzt auch in Meinungsumfragen offen zu Tage trat, rudert der betroffene Kleingartenverein selbst nach Kräften zurück: Am morgigen Donnerstag kommen die Mitglieder erneut zu einer Versammlung zusammen und debattieren über eine vollständige Rücknahme der Quote, schon jetzt wird sie laut Kühl "nicht mehr angewendet". Gegenüber Spiegel-Online kündigte der Vereinsvorsitzende sogar an, den 21jährigen, aus Russland stammenden Nik Kantor in den Vorstand rufen zu wollen. Er und sein Vater hatten dieser Tage trotz des noch gültigen Quoten-Beschlusses eine Parzelle am Kringelkrugweg erhalten. Dass das gescheiterte Zusammenleben dort wohl eher den Integrationsverweigerern auf deutscher Seite geschuldet ist, wird unter anderem deutlich, wenn man benachbarte Schrebergartenanlagen besucht: So sitzen Migranten im Kleingartenverein Friedrichsgabe schon seit sechs Jahren mit im Vorstand, laut dem dortigen Vorsitzenden Max Stammerjohanns liegt der Anteil von Mitgliedern ausländischer Herkunft hier bei einem Drittel - ohne dass das Probleme bereitet. Man feiert gemeinsam "Nationenfeste" und hält - ebenso gemeinsam - "die deutschen Ruhezeiten" ein. Ohnehin haben die Kleingartenvereine zunehmend Probleme, ihre Parzellen an den Mann zu bringen, in vielen Anlagen bleiben Schrebergärten ungenutzt. Dass in der laufenden Auseinandersetzung Viele in der Zahl der Migranten eine Bedrohung und Verdrängung deutscher Kleingärtner sehen, ist daher allenfalls grotesk: In der realen Welt wird die deutsche Schreberkultur - wenn sie denn überhaupt deutsch ist - von migrantischen Pächtern vor dem Aus bewahrt

Mit Blick auf den Kringelkrugweg spricht der aus Polen stammende Friedrichsgaber Kleingärtner Richard Zak dann auch von "reinem Rassismus" und Stammerjohanns empfhielt Gerd Kühl und seinem Vorstand den Rücktritt: "Die haben sich komplett ins Abseits geschossen", so der Schreber gegenüber dem Hamburger Abendblatt, dass lasse sich wohl nur mit einem kompletten Neuanfang wieder hinkriegen.